Wenn der Kirschbaum kichert

Was es mit dem Glück wohl auf sich hat, darüber haben sich die Dichter seit jeher den Kopf zerbrochen. Ihre schönsten Antworten gab es am Freitagabend bei einer Lesung im Kultkeller Vampir in Suhl zu hören.

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Für ihren Abend über das Glück hatten Annett Renneberg und Thomas Sarbacher Gedichte und Texte von Joachim Ringelnatz bis Rainer Maria Rilke zusammengestellt. Eine mal heitere, mal erotische, mal nachdenkliche Auswahl, ausdrucksvoll vorgetragen und von Klavier und Klarinette begleitet. Foto: ari

Von Zeit zu Zelt lässt sich das Glück bitten. Von einem Brief etwa, abgeschickt von zwei Studenten an eine Bank, Abteilung Marketing. Ein Brief, der von der Idee erzählt, Kunst und Literatur mit ei- nem neuen Festival In die Provinz zu bringen. Das Geld von der Bank kam. Das Festival auch. Ein Provinzschrei im Herbst, seit 15 Jahren nun schon in Thüringens Süden.

Um dieses Glück, dass zwei junge Kulturmacher, Claudia und Hendrik Neukirchner, und eine seit nunmehr 190 Jahren in der Region tätige Bank, die Rhön-Rennsteig-Sparkasse, zueinander gefunden haben, ging es am Freitag im Suhler Kultkeller Vampir. Dieser eine Glücksfall gab den beiden Veranstaltern – Provinzkultur e.V. und Rhön-Rennsteig-Sparkasse – den Anlass, einmal dem Glück ganz allgemein nachzuspüren. Den Worten nachzusinnen, die Dichter für das Glück gefunden haben.

Das einfache Glück

Es muss ein beträchtlicher literarischer Fundus sein, aus dem Annett Renneberg und Thomas Sarbacher für Ihren musikalischen Leseabend auswählen konnten. Für dreißig Texte haben sich die beiden Schauspieler schließiich entschieden. Werke von Theokrit bis Peter Hacks, mal begleitet, mal unterbrochen von Klarlnet

tist Uwe Möckel und Pianistin Christine Rahn. Viel Kluges ist über Glück geschrieben worden, selbst wenn das Glück selbst gar nicht als Wort darin vorkommt. So wie in William Carlos Williams‘ Gedicht von einer armen alten Frau, die auf der Straße Backpflaumen aus einer Papiertüte isst: „Sie schmecken ihr gut.” Wer Annett Renneberg den Satz wieder und wieder neu betont sagen hört, der meint es beinahe selber iu schmecken, dieses einfache Glück.

Dass der Mensch überhaupt glücklich sein kann, wo das Leben doch

ein einzig irdisch Jammertal Ist, das haben auch die Denker des Mittelalters nicht verstehen können. Darunter Martinus von Biberach, dessen Leben zwar Im Dunkel der Geschichte blieb, der jedoch einen merkwürdig anrührenden Vierzeiler. hinterließ: „Ich leb und waiß nit wie lang,/ Ich stirb und waiß nit wann,/ ich far und waiß nit wahin, / mich wundert das ich frölich bin.”

Die letzte Zeile haben sich Thomas Sarbacher und Annett Renneberg als Titel für Ihr kurzweiliges 90-Minu- ten-Programm entliehen. Eine gute Wahl, denn die Verwunderung des Magister Martinus ist geblieben. Wie ließe es sich auch erklärten, wenn Robert Walser so ganz beglückt vom Anblick der Schwalbe auf dem Baum vor seinem Fenster schreibt.

Wenn das Glück endet

Manchmal aber bedarf das Glück gar keiner Erklärung und ist doch jedem sofort verständlich. So wie das Glück des Liebespaars in Thomas Rosenlöchers „Der Ernst des Lebens”. Es feiert so Innig Hochzeit miteinander, dass selbst der Kirschbaum kichern muss, in dessen Blütenhimmel sich das Paar zurückgezogen hat. Irgendwann aber hört es auf, Hochzeit zu feiern, und richtet stattdessen die Wohnung ein. So schnell kann es dann auch schon wieder vorbei sein mit dem Glück.

Muss es aber nicht. Damit jenes Glück für eile Kultur in der Region, das vor 15 Jahren mit einem Brief begann, auch weiter anhält, gab es am Freitag für die Macher vom Verein Provinzkultur die 10000 Euro Jahresförderung für 2015 von der Röhn-Rennsteig-Sparkasse.

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Presseartikel zur Lesung