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Das Gesetz ist ein Idiot – Kölner Stadt-Anzeiger

Gerade ist ihr aktueller Roman „Das goldene Ei – Commissario Brunettis 22. Fall“ erschienen. Im Interview sprechen die US-amerikanische Schriftstellerin Donna Leon und die Schauspielerin Annett Renneberg auch über ihre Vorstellung der Moral und den Fall Edward Snowden. Von Alexandra Spürk

Donna Leon und Annett Renneberg im Rheinauhafen Foto: Michael Bause

Donna Leon und Annett Renneberg im Rheinauhafen Foto: Michael Bause

Frau Leon, in ihrem neuen Brunetti-Krimi „Das goldene Ei“ gibt es eine Metapher, die sich zwar auf die venezianische Gesellschaft bezieht, genauso aber auf den Kölner Klüngel zutrifft.

DONNA LEON: Ach, ja?

Commissario Brunetti sinniert darüber, wie Menschen gedanklich eine Liste mit denen speichern, die ihnen einen Gefallen schulden. Er vergleicht sie mit Eichhörnchen, die Nüsse für den Winter horten. Ist ein Tauschsystem gegenseitiger Gefallen verwerflich?

LEON: Nein, so funktioniert Gesellschaft. Es gibt kein Gesetz dafür, aber man weiß es einfach: Wenn jemand einem einen Gefallen tut, wird man sich bei ihm revanchieren.

In „Das goldene Ei“ sind viele Charaktere mit einem moralischen Konflikt beschäftigt. Warum?

LEON: Moral betrifft uns alle. Vielleicht hängt es mit meinem Alter zusammen, dass ich zunehmend über die Bedeutung ethisch richtigen Handelns nachdenke. Ich bin jetzt 71.

Frau Renneberg, als Schauspielerin ist das Täuschen ihr Beruf. Wann denken Sie über Moral nach?

ANNETT RENNEBERG: Da, wo sich das Private mit dem Professionellen vermischt. In „Das Böse“, einem meiner ersten Filme, habe ich 1997 eine Kindermörderin gespielt. Vor zweieinhalb Jahren bin ich Mutter geworden. Wenn ich jetzt dieses Angebot bekäme, hätte ich emotionale Probleme. Mutter zu sein fordert eine ganz neue Auseinandersetzung mit dem Beruf. Da gibt es für mich moralische Kriterien – und dann immer alles damit zu erklären, dass die Rolle so toll ist, reicht nicht. Was schwierig ist, weil Täter die spannenderen Rollen sind. Meist haben die Täter, nicht die Ermittler, die emotionalen Höhepunkte.

Was mögen Sie dann an Signorina Elettra, ihrer Rolle in den „Brunetti“-Verfilmungen, die zwar illegale Computerspionage betreibt, aber eindeutig auf der guten Seite steht?

RENNEBERG: Sie ist ein bisschen wie ich. Sie liebt Blumen, ich liebe Blumen. Alle Frauen sind ein wenig wie Elettra. Ihr Haar, ihre Kleidung, alles ist wunderbar an ihr.

LEON: Und sie ist klug! Ich mag Elettra sehr und als Autorin brauche ich sie. „Das Gesetz ist ein Idiot“, das steht schon in Charles Dickens’ „Oliver Twist“. Das Gesetz muss sich sicher sein, deshalb funktioniert es langsam. Brunetti ist aber ungeduldig. Er weiß, dass Signorina Elettra alles über jeden weiß. Also geht er zu ihr, bekommt seine Informationen und macht sich mitschuldig. Was Elettra am Computer macht ist so illegal, das schreit zum Himmel.

Man könnte sagen, Signorina Elettra ist die NSA von Venedig.

RENNEBERG: Der weibliche Edward Snowden!

LEON: Nur viel charmanter.

Snowden sucht seit fast einem Jahr Asyl. Würden Sie ihn in Venedig aufnehmen, Frau Leon?

LEON: Snowden hat das Richtige getan, ohne Zweifel. Aber bevor wir über Snowden reden, soll jemand – zum Beispiel der Supreme Court – entscheiden, wie legal es ist, was die NSA getan hat. Der amerikanische Außenminister John Kerry hat neulich gesagt, Snowden soll seinen Mann stehen, zurück in die USA kehren und sich einem Gerichtsverfahren stellen. Was zum Teufel heißt das? Er ist kein Mann, wenn er nicht zurückkehrt? Er wird ein gerechtes Gerichtsverfahren bekommen in den USA? Erzähl mir ein anderes Märchen. Das alles ist ein großes, amerikanisches Problem.

 

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger